Realitäts-Agnostizismus
Der Realitäts-Agnostizismus ist eine erkenntnistheoretische Position, die davon ausgeht, dass Aussagen über eine von Denken und Wahrnehmung unabhängige Realität weder bejaht noch verneint werden können, da sie keiner prüfbaren Wahrheit zugänglich sind. Er versteht Wahrheit, Erkenntnis und Gegenstandsbezug als kognitiv und funktional konstituierte Prozesse, die keine Aussagen über eine etwaige „Realität an sich“ erlauben.
Grundprinzipien
1. Wahrheit als hergestellte Übereinstimmung
Wahrheit gilt als ein relationales Ereignis, das im Moment der Feststellung eintritt, wenn eine zuvor formulierte Erwartung oder Vorhersage mit dem Ergebnis eines durchführbaren Prüfverfahrens übereinstimmt. Sie entsteht somit im Abgleich zwischen Prognose und Beobachtung, nicht als Eigenschaft von Aussagen unabhängig vom Kontext.
2. Wahrheitsfähigkeit als an Prüfverfahren gebundene Möglichkeit
Nur Aussagen, zu denen ein prinzipiell durchführbares Prüfverfahren angegeben werden kann, gelten als wahrheitsfähig. Aussagen ohne solche potenzielle Überprüfbarkeit – auch im hypothetischen Sinne – werden nicht als falsch, sondern als nicht-wahrheitsfähig eingestuft.
3. Kognitive Konstitution des Gegenstandsbezugs
Ein Gegenstand entsteht nicht durch passives Abbilden einer vorgegebenen Welt, sondern durch aktive kognitive Prozesse wie Abstrahieren, Vergleichen, Kategorisieren oder Differenzieren. Erst diese Prozesse ermöglichen, dass etwas als unterscheidbar, benennbar oder thematisierbar erscheint. Der Gegenstandsbezug ist damit ein hergestellter, nicht ein vorausgesetzter.
4. Gegenstandskonstitution durch Zeigen, Denken und Verstehen
Der Bezug einer Aussage zu einem Gegenstand entsteht erst im Zusammenspiel von Zeigen (z. B. auf etwas verweisen), Denken (konzeptuelle Einordnung) und Verstehen (interpretative Erfassung). Diese Elemente bilden ein interdependentes Bezugssystem, in dem sich der Gegenstand als solcher erst ergibt.
5. Erkenntnis als Zuwachs an viablen Informationen
Erkenntnis wird funktional bestimmt: Sie liegt vor, wenn Informationen gewonnen werden, die sich in Handlungen, Kommunikation oder Vorhersagen als tragfähig – also viabel – erweisen. Ein Bezug zu einer objektiven, unabhängig existierenden Welt ist dabei weder notwendig noch behauptet.
6. Enthaltung gegenüber Behauptungen über eine „an sich“-Realität
Da alle Erkenntnisprozesse innerhalb menschlicher Denk- und Wahrnehmungssysteme stattfinden, können keine aussagenlogisch gültigen Aussagen über eine davon unabhängige „Realität an sich“ getroffen werden. Eine solche Behauptung wäre nicht prüfbar und ihr Gegenstand nicht herstellbar (vgl. Punkte 2 und 3). Der Realitäts-Agnostizismus enthält sich daher sowohl einer Bejahung als auch einer Verneinung solcher Aussagen – nicht aus Unentschlossenheit, sondern als konsequente Anwendung seiner erkenntnistheoretischen Prinzipien.
Abgrenzung zu Realismus und Antirealismus
Der Realitäts-Agnostizismus ist weder dem wissenschaftlichen Realismus noch dem Antirealismus eindeutig zuzuordnen.
Im Gegensatz zum Realismus behauptet er nicht, dass Aussagen über eine beobachtungsunabhängige Welt wahr sein können, weil er die Möglichkeit solcher Aussagen grundsätzlich infrage stellt. Realismus setzt voraus, dass es eine objektive Realität „an sich“ gibt, zu der Aussagen wahr oder falsch sein können – eine Voraussetzung, die im Realitäts-Agnostizismus mangels prüfbarer Referenz suspendiert wird.
Dem Antirealismus wiederum steht der Realitäts-Agnostizismus ebenfalls fern, insofern er sich nicht inhaltlich gegen die Existenz einer unabhängigen Realität positioniert. Antirealistische Positionen bestreiten häufig die Existenz oder Relevanz einer ontologisch unabhängigen Welt. Der Realitäts-Agnostizismus hingegen verzichtet bewusst auf jede Positionierung zu dieser Frage. Er betrachtet sie als nicht entscheidbar, da sie sich auf keinen durch kognitive Verfahren herstellbaren Gegenstand bezieht und keinem prinzipiell durchführbaren Prüfverfahren zugänglich ist (vgl. Punkt 6).
Die Enthaltung gegenüber ontologischen Grundannahmen ist somit kein Ausdruck von Unentschlossenheit, sondern eine systematische Folge der erkenntnistheoretischen Grundannahmen des Realitäts-Agnostizismus. Während sowohl Realismus als auch Antirealismus letztlich metaphysische Positionen über das Sein der Welt vertreten, suspendiert der Realitäts-Agnostizismus solche Aussagen aus methodischen Gründen.
Typische Missverständnisse
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, den Realitäts-Agnostizismus mit religiösem oder weltanschaulichem Agnostizismus gleichzusetzen. Während letzterer üblicherweise auf die Unentscheidbarkeit metaphysischer Gottesfragen verweist, bezieht sich der Realitäts-Agnostizismus auf die strukturelle Prüfgrenze von Aussagen über eine weltunabhängige Realität überhaupt. Die Enthaltung gegenüber der Frage nach der „Realität an sich“ ist keine metaphysische Zurückhaltung, sondern folgt methodisch aus den Kriterien für Wahrheitsfähigkeit und Gegenstandsbezug.
Ebenso wird er gelegentlich mit dem radikalen Konstruktivismus verwechselt. Zwar betont auch dieser die Konstruktion von Wissen, doch der Realitäts-Agnostizismus macht keine Behauptung darüber, ob es „außerhalb“ des Konstruktionsprozesses etwas gibt oder nicht – er spricht der Frage selbst die Sinnhaftigkeit ab, solange keine prüfbare Referenz herstellbar ist. Konstruktion wird hier nicht absolut gesetzt, sondern funktional verstanden.
Praktische Beispiele zur Veranschaulichung
Beispiel 1: Temperaturmessung
Eine Wetterstation zeigt 15 °C an. Der Realitäts-Agnostizismus betrachtet die Aussage „Es ist 15 °C“ als wahrheitsfähig nur im Rahmen eines benannten und durchführbaren Messverfahrens. Die Wahrheit liegt nicht in der Temperatur „an sich“, sondern in der Übereinstimmung zwischen dem Erwartungswert (z. B. „Heute sind es um 12 Uhr ca. 15 °C“) und dem tatsächlich gemessenen Wert – im Moment dieser Feststellung. Was als „Temperatur“ gilt, ist Ergebnis eines Messmodells und seiner kognitiven Einbettung (z. B. Thermodynamik, Skalenverständnis, etc.).
Beispiel 2: Pluto als Planet
Am Beispiel „Pluto“ wird besonders deutlich, wie stark unsere Objektkonstitution durch sprachliche und konzeptuelle Strukturen geprägt ist. Wenn Pluto von der astronomischen Gemeinschaft neu klassifiziert wird – etwa vom Planeten zum Zwergplaneten –, dann betrifft diese Änderung nicht eine Entität mit einem stabilen Wesen, sondern den Referenzrahmen, innerhalb dessen bestimmte Eigenschaften für kategoriale Zuordnungen relevant werden.
Dabei bleibt das, was über Pluto im Rahmen stabiler Messungen ausgesagt wird – etwa seine Masse, Umlaufbahn, Zusammensetzung – innerhalb desselben theoretischen Rahmens konstant. Aber diese Aussagen sind immer abhängig von einem bestimmten Mess- und Deutungssystem. Es ist also nicht so, dass ein „identischer Pluto“ beobachtet und unterschiedlich bezeichnet würde – vielmehr verändert sich die Art, wie wir über etwas sprechen und was genau wir mit dem Ausdruck „Pluto“ meinen, je nach begrifflicher Rahmung.
Beispiel 3: Behauptung einer Welt „an sich“
Die Aussage „Es gibt eine Welt unabhängig von jeder Beobachtung“ ist nicht-wahrheitsfähig, da es kein denkbares Verfahren gibt, durch das ihre Gültigkeit ohne Rückgriff auf kognitive Strukturen bestätigt oder widerlegt werden könnte. Solche Aussagen enthalten keinen herstellbaren Gegenstand und überschreiten die Kriterien, die im Realitäts-Agnostizismus für sinnvolle Aussagen gelten. Daher folgt methodisch die Enthaltung gegenüber dieser Aussage – ohne daraus eine Gegenthese zu machen.
Beispiel 4: Erkenntnis im Alltag
Wenn ein Kind lernt, dass es durch Drücken eines Lichtschalters das Licht ein- und ausschalten kann, entsteht Erkenntnis im realitäts-agnostischen Sinn: Es wurde eine Information erworben, die sich in wiederholbarer Weise als viabel im Handeln erweist. Diese Erkenntnis wird nicht an einem metaphysischen Begriff der „Wirklichkeit des Lichts“ gemessen, sondern an der Tragfähigkeit der Information in praktischer Anwendung.